Patientenseminar

Gemeinsam gegen den Schmerz: Das Patientenseminar

Biofeedback

Biofeedback

Das von Prof. Gerber und mir entwickelte Migräne-Patientenseminar (MIPAS) zielt auf eine umfassende neurologisch-verhaltensmedizinische Betreuung von Schmerzpatienten durch Ärztinnen und Ärzte ab. Die Betreuung bezieht sich sowohl auf die nichtmedikamentöse Vorbeugung und Therapie von Kopfschmerzen, als auch auf eine spezifische medikamentöse Prophylaxe und Therapie nach wissenschaftlich ganzheitlichem Ansatz. In einer umfassenden Aus- und Weiterbildung wollen wir auch Ärzte befähigen, die Gruppensprechstunde im Rahmen eines Patientenseminares durchzuführen.

Das Patientenseminar für chronische Kopfschmerzen lehnt sich dabei an Modelle ähnlicher Gruppensprechstunden an. Die Grundgedanken sind dabei, die Information in kompakter Form an Betroffene weiterzugeben, Selbsthilfegruppen zu initiieren und durch den gegenseitigen Austausch von Informationen zwischen den Gruppenmitgliedern eine effektive interaktive Behandlung zu ermöglichen. Organisatorisch ist das Patientenseminar idealerweise eine von einem Arzt und einem Psychologen geleitete Patientenveranstaltung, die zum Beispiel an einem Wochentag für die Dauer von 60 bis 90 Minuten in einer kleinen Gruppe von Problempatienten (ca. 5 bis 10 Teilnehmer) mit vergleichbaren Erkrankungen durchgeführt wird. Das Patientenseminar soll dabei folgendermaßen realisiert werden:

  • Gruppenbildung: Im Einzelgespräch soll der Arzt in Frage kommende Patienten auswählen, über das Patientenseminar informieren und zur Teilnahme motivieren. Selbstbeobachtungsmaßnahmen werden erklärt. Ein Kopfschmerztagebuch wird ausgegeben.
  • In den ersten Sitzungen finden dann gruppenspezifische Erstgespräche statt. Dabei wird die Symptomatik der einzelnen Kopfschmerzerkrankungen mit den Patienten diskutiert und der Leidensdruck, sowie die Entwicklungsgeschichte und Chronifizierungsfaktoren werden herausgearbeitet. Insbesondere sollen dabei chronifizierende Faktoren, die verschiedenen Verhaltensweisen, die der Behandlung des Kopfschmerzes entgegenstehen, sowie Verhaltensmuster im Alltag erfasst und analysiert werden.
  • Erläuterung der Diagnose durch den Arzt und Information über die Entstehungsbedingungen: In dieser Sitzung bekommen die Patienten die zugrundeliegenden Mechanismen der Kopfschmerzerkrankung erläutert. Darauf aufbauend werden ihnen entsprechende strukturierte Schritte zur Behandlung der Kopfschmerzen vermittelt. Dabei werden den Patienten nicht nur biologische, sondern auch psychologische und verhaltensmäßige Prozesse bewusst gemacht. Dazu gehört insbesondere Stress, ungünstige Gedanken, Verhaltensmuster und anderes.
  • Beratungsgespräch und Gruppendiskussion: In dieser Sektion des Patientenseminares werden weitere Informationen interaktiv in der Gruppe vermittelt. Neben den individuellen Reizbedingungen sollen insbesondere Faktoren der Lebensführung, wie z.B. unregelmäßiger Schlaf, Tagesplanung, Stress, Arbeitsplatzgestaltung etc. besprochen werden. Die Basis des Gesprächs ist hier ein spezifischer Stressanalysebogen, anhand dessen in Verbindung mit einer Kopfschmerz-Checkliste die verschiedenen Bedingungen für die Kopfschmerzattacken herausgearbeitet werden. Bereits in dieser Sitzung wird den Patienten eine kombinierte Behandlungsstrategie – die Verbindung zwischen nichtmedikamentösen und medikamentösen Verfahren – aufgezeigt.
  • Medikamentenbesprechung: In dieser Sitzung werden ausführlich die Medikamentenvorgeschichte, die Art und Weise, wie Medikamente bislang eingenommen wurden, Wirkungen und Nebenwirkungen, aber auch Einstellungen zu Medikamenten besprochen. Gleichzeitig wird auf die besondere Bedeutung selbstregulativer Mechanismen wie z.B. Schmerzkontrolle, Stressbewältigung etc. hingewiesen.
  • Stressanalyse I: Zu Beginn der Sitzung wird zunächst auf die besondere Bedeutung von Belastungsfaktoren und ungünstigen Einstellungs- und Verhaltensmustern hingewiesen. Dazu füllen die Patienten spezielle Stressanalysebögen aus, wobei die Stressoren hierarchisch geordnet werden. Stress und Belastung werden auch im Sinne psychobiologischer Konzepte erläutert. So wird etwa dargestellt, dass durch bestimmte Techniken z.B. Entspannungstechniken, Nervenbotenstoffe besser und schneller abgebaut werden können. Auf dieser Basis wird den Patienten erläutert, dass eine spezifische Körperwahrnehmung notwendig ist. In diesem Sinn wird die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson den Patienten erklärt. Die Wirkung von Belastungsfaktoren auf den Körper wird durch gezielte Stressinduktionen, wie z.B. einen belastenden Film, quasi körpernah eingeführt. Es soll dann verdeutlicht werden, dass die Patienten bei extremer Belastung Körpersignale wahrnehmen, wie z.B. Druckempfinden in der Stirn, denen sie mit geeigneten Entspannungstechniken begegnen können. Die dann folgenden Entspannungsübungen werden jedem Patienten auch als Compact Disc (CD) zur häuslichen Übung zur Verfügung gestellt. Die Patienten erhalten neben der CD ein Übungsprotokoll, in dem sie Übungszeiten eintragen sollen.
  • Stressanalyse II: In dieser Sitzung werden die Patienten zunächst in einer ausführlichen Entspannungsübung zur Tiefenentspannung hingeführt. Wie in anderen vorangegangenen Sitzungen werden die Kopfschmerztagebücher besprochen. Eventuell aufgetretene Schwierigkeiten mit Medikamenten, oder mit dem Jacobson-Training, werden zunächst in der Gruppe erläutert. Diese Sitzung ist darauf ausgerichtet, die Entspannungstechniken differenziert einsetzen zu können. Das bedeutet, die Patienten lernen in Alltagssituation z.B. beim Sitzen, beim Gehen, Stehen, Sprechen durch eine kurze Anspannung die Entspannungsreaktionen einzuleiten. Jetzt erfolgt eine Stressinduktion wie z.B. das Klingeln eines Telefons, um mögliche Gegenwirkungen zu erproben. Es werden nun verschiedene Belastungssituationen des Alltags durchgespielt wie z.B. Diskussionen, Streit, Selbstbehauptungssituationen etc.. Die Patienten lernen, bei aufkommenden Körperempfindungen mit Entspannungsübungen zu reagieren.
  • Schmerzbewältigung und Abschluss: Diese Sitzung ist auf die Schmerzbewältigung gerichtet (Schmerzbewältigungstraining). Zunächst schildern die Patienten ihre letzten Anfälle bzw. den letzten Anfall. Danach werden sie aufgefordert, ihre Anfälle erneut durchzuspielen. Durch spezifische Techniken (z.B. Vorstellungstechnik) sollen die Patienten gemeinsam Strategien erarbeiten, wie ein Anfall ohne oder mit Medikamenten beendet werden könnte. Das Patientenseminar endet mit einer Zusammenfassung und mit der Vereinbarung, sich gegebenenfalls zu Auffrischsitzungen wieder zusammenzufinden. Gleichzeitig sollen die Patienten angehalten werden, auf eigene Initiative eine Selbsthilfegruppe zu besuchen bzw. bei mangelnder Verfügbarkeit selbst eine zu gründen.