Anfallsbehandlung

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Medikamente und was dabei wichtig ist

Anfallsbehandlung

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Die im Abschnitt Verhalten genannten Methoden der Vorbeugung ohne Medikamente sind bei vielen Menschen äußerst effektiv und sollten unbedingt immer zuerst genutzt werden. Wenngleich sie oft die Häufigkeit und Schwere der Migräneattacken reduzieren – ein Leben ganz ohne Kopfschmerzmittel können sie meist nicht ermöglichen. Es ist deshalb von zentraler Bedeutung, dass der Patient genau weiß, wie er welche Medikamente einnehmen sollte und worauf er dabei besonders achten muss. Ein Grund ist natürlich, dass der Schmerz so schnell und vollständig wie möglich beseitigt werden sollte. Ein weiterer ist, dass jedes Medikament auch Nebenwirkungen hat und die Behandlung deshalb so effektiv wie möglich sein sollte. Und noch ein wichtiger Grund: Schmerzmittel können selbst zu Kopfschmerzen führen, wenn sie falsch eingenommen werden.

Kopfschmerz durch Medikamente

Bei zu häufigem Gebrauch von Medikamenten zur Behandlung von Kopfschmerzen kann ein so genannter MÜK (Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz) entstehen. Aus Krankenkassendaten wissen wir, dass sich in Deutschland rund 160.000 Menschen jährlich wegen eines Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerzes einer stationären Behandlung unterziehen müssen. Schätzungsweise sind in Deutschland rund 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung von diesem Problem betroffen – das sind 800.000 bis 1,6 Millionen Menschen.

Es handelt sich dabei um einen diffusen und pulsierenden Dauerkopfschmerz, oft ohne die typischen Begleitsymptome der Migräne. Die zu häufige Einnahme von Schmerz- und Migränemitteln kann obendrein dazu führen, dass die Attackenfrequenz der Migräne zunimmt, die Migräneattacken länger andauern, eine stärkere Intensität aufweisen und weniger gut auf Medikamente ansprechen. Der Verdacht, dass die Kopfschmerzbehandlung selbst die Kopfschmerzen auslöst, muss immer dann erwogen werden, wenn

  • Kopfschmerzmedikamente länger als 3 Monate an mehr als 10 Tagen pro Monat eingenommen werden,
  • mehr als 15 Kopfschmerztage pro Monat bestehen und
  • eine Kopfschmerzbesserung innerhalb von zwei Monaten nach einer Einnahmepause auftritt.

Viele wissen es nicht, andere wollen es nicht wahrhaben

Die wenigsten Menschen kommen auf die Idee, dass ihr Kopfschmerz durch die regelmäßige Einnahme von Kopfschmerzmedikamenten in seiner Häufigkeit, Hartnäckigkeit und Dauer zugenommen haben könnte. Im Gegenteil versuchen die Betroffenen sogar ständig, das eine Medikament zu finden, das all ihre Beschwerden löst. Aus diesem Grunde werden sehr häufig die Medikamente gewechselt und neue Substanzen ausprobiert.

Häufig besteht Angst vor wirksamen Medikamenten, in der Annahme, dass das, was gut wirkt, auch stark und belastend sein muss. Lieber nehmen manche Patienten sehr häufig ein mäßig wirksames Medikament ein. Sie glauben, wenn es nicht gut hilft, kann es ja auch nicht stark sein und gefährliche Nebenwirkungen verursachen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Potente Migränemittel wie die Triptane wirken wie ein Sicherheitsschlüssel ohne viel Kraft in einem Sicherheitsschloss. Sie sind verträglicher als häufig eingenommene sog. „milde“ und nur mäßig wirkende Schmerzmittel.

Zunächst glauben viele Patienten nicht, dass ihre Kopfschmerzen durch die Medikamente unterhalten werden: Sie haben gelernt, dass das Weglassen mit sicherer Regelmäßigkeit nach ein paar Stunden zu schlimmen Kopfschmerzen und die Einnahme von Kopfschmerzmedikamenten zu einer wenigstens vorübergehenden Beseitigung der Schmerzen führt – zumindest stundenweise. Viele Patienten trauen sich ohne Kopfschmerzmittel nicht einmal auf die Straße. Manche Patienten aber erahnen den Zusammenhang zwischen ihrem Leid und der Medikamenteneinnahme. Verantwortungsvolle Apotheker, die beim Kauf der Medikamente zu einem Arztbesuch oder gar zu einer Schmerzmittelreduktion raten, werden dann gemieden. Um den Schein zu wahren, gehen manche Patienten am Montag in Apotheke A, am Mittwoch in Apotheke B und am Samstag in Apotheke C.

Unmittelbarer Grund für die kontinuierliche Medikamenteneinnahme ist der Entzugskopfschmerz, der mit dem Nachlassen der Medikamentenwirkung einsetzt. Bei 90 Prozent der Patienten ist dieser Kopfschmerz von mittlerer bis starker Intensität. Er wird von Übelkeit, Erbrechen, Angst und Unruhe, Kreislaufstörungen, Schwindel und teilweise sogar Fieber begleitet. Die Einnahme von ein bis zwei Tabletten behebt häufig diese Qual – leider nur vorübergehend für die nächsten Stunden – und führt gleichzeitig dazu, dass es von Mal zu Mal langsam aber stetig immer schlimmer wird.

Medikamentenpause in der Klinik

Bei einem MÜK (Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz) wird heute eine sogenannte Medikamentenpause durchgeführt, im englischen Sprachraum wurde dafür das schöne Wort „drug-holiday“, Medikamentenferien, geprägt. In der ersten Phase der Behandlung klären wir den Patienten sehr ausführlich über die Mechanismen der Kopfschmerzentstehung und die Effekte der Dauereinnahme der Medikamente auf. Darüber hinaus wird der Patient natürlich ausführlich über die weitere Behandlung während der Medikamentenpause informiert.

Eine Medikamentenpause muss in der Regel stationär durchgeführt werden, da die so genannten Rebound- oder Umstellungskopfschmerzen während der Medikamentenpause zu Hause meist zu einer erneuten Schmerzmitteleinnahme führen. In spezialisierten Kliniken – wie z.B. in der Schmerzklinik Kiel – wird die Dauereinnahme der Kopfschmerzmedikamente von einem auf den nächsten Tag abgebrochen. Zur Beseitigung des darauf einsetzenden Umstellungskopfschmerzes erhält der Patient Medikamente, welche die verbrauchten Botenstoffe wieder vermehrt zur Verfügung stellen. Dazu wird in der Regel eine mehrtägige Infusionsbehandlung durchgeführt. Begleitend werden dem Patienten in einem intensiven verhaltensmedizinischen Programm Konzepte vermittelt, um den Kopfschmerzen durch nichtmedikamentöse Maßnahmen vorzubeugen. Darüber hinaus lernt der Patient selbstverständlich auch den angemessenen Umgang mit Kopfschmerzmedikamenten, sodass der Betroffene anschließend in der Lage ist, Medikamente gezielt und richtig dosiert einzusetzen. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der verhaltensmedizinischen Vorbeugung der Kopfschmerzen ohne Medikamente.

Damit es nicht soweit kommt

Wenn Sie folgende kritische Schwellen beachten, können Sie Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerzen weitgehend vorbeugen:

Schwelle Nr. 1: Zeitliches Einnahmeverhalten

  • Nehmen Sie Kopfschmerzmittel an nicht mehr als 10 Tagen pro Monat ein.

Schwelle Nr. 2: Kopfschmerzhäufigkeit

  • Versorgen Sie sich nicht selbst mit Medikamenten, wenn Sie an mehr als 10 Tagen pro Monat Kopfschmerzen haben. Gehen Sie zum Arzt!

Schwelle Nr. 3: Analgetikazubereitung und -art

  • Nehmen Sie keine Medikamente mit zwei oder mehr Wirkstoffen ein (und keine Opioidanalgetika bei Migräne oder Kopfschmerz vom Spannungstyp). Das Hinzufügen von Substanzen zu den eigentlichen Wirkstoffen des Schmerzmittels (hinzugefügt werden beispielsweise Codein, Coffein, Ethenzamid, Thiamin, Chinin, Salacetamid und andere) verstärkt nicht deren Wirksamkeit gegen Kopfschmerzen, erhöht jedoch das Nebenwirkungsrisiko und die Gefahr psychischer Gewöhnung, sodass eine Dosiserhöhung und damit der Dauerkopfschmerz sehr wahrscheinlich wird. An Patienten, die aufgrund dieser Problematik in der Schmerzklinik Kiel behandelt wurden, zeigte sich, dass der Schmerzmittelentzug umso länger dauert und umso schwieriger ausfällt, je mehr aktive Bestandteile in einer Kopfschmerztablette oder je mehr unterschiedliche Wirkstoffe in gleichzeitig eingenommenen Medikamenten enthalten sind.