Wie häufig tritt Migräne bei Kindern auf?

73,9 Prozent der Siebtklässler klagen über primäre Kopfschmerzen. Die häufigsten Formen sind die Migräne und der Kopfschmerz vom Spannungstyp. Nahezu 50 % der Betroffenen berichten Symptome der Migräne – dies sind deutlich mehr, als frühere Studien vermuten ließen. 78,7 Prozent der Kinder mit Spannungskopfschmerzen und 62,1 Prozent der Betroffenen mit migränetypischen Symptomen waren deswegen bisher nicht beim Arzt. 33,8 % der von Spannungskopfschmerz Betroffenen und sogar 40,9 % der Kinder und Jugendlichen mit Migräne nehmen Kopfschmerzmittel ohne ärztliche Empfehlung.

Wie erkennt man, ob die Kopfschmerzen meines Kindes behandlungsbedürftig sind?

Treten Kopfschmerzen bei Kindern neu auf, sollte immer ein Arzt konsultiert werden, der dann eine präzise Diagnose der Kopfschmerzformen erstellt. Diese genaue Diagnose ist Voraussetzung für die weitere Behandlung der Kopfschmerzen. Kopfschmerzen sollten jedoch auch dann einer ärztlichen Behandlung unterzogen werden, wenn das bisherige Therapiekonzept nicht mehr greift. Eine Untersuchung ist auch dann notwendig, wenn neue Symptome auftreten, die Kopfschmerzen häufiger werden, das Auftretensmuster sich ändert oder wenn es ungewohnte Begleitsymptome gibt. Treten Kopfschmerzen auf, die plötzlich ganz anders sind als zuvor, sollte dringend ein Arzt aufgesucht werden. Dies gilt auch, wenn Symptome wie z.B. Nackenschmerzen, Nackensteifigkeit, Fieber, Schüttelfrost, Gelenkschmerzen, neuropsychologische Störungen oder zunehmende Müdigkeit bestehen.

Woran kann man unterscheiden, ob Spannungskopfschmerzen oder Migräne bestehen?

Migräne ist eine anfallsweise Erkrankung, die von 4 Stunden bis zu 3 Tagen auftreten kann. Bei Kindern können Migräneattacken auch kurzer auftreten und nur 2-3 Stunden dauern. Am häufigsten beginnen die Kopfschmerzen am Morgen nach dem Aufwachen. Sie klingen dann meist bis zum späten Vormittag ab. Dadurch entsteht manchmal der Eindruck, als ob das Kind sich vom Schulbesuch drücken möchte. Es handelt sich dabei jedoch um einen typischen Verlauf, der durch ein Energiedefizit in den Nervenzellen am frühen Morgen bedingt ist. Die Kopfschmerzen haben einen pulsierenden, pochenden Charakter. Die Schmerzintensität ist sehr stark. Die Schmerzen können einseitig auftreten. Die übliche Tätigkeit wird schwer behindert oder sogar unmöglich gemacht. An Begleitsymptomen treten Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit auf. Die Migräneattacken können durch neurologische Symptome eingeleitet werden, die sogenannte Aura. Am häufigsten finden sich Sehstörungen in Form von Zickzacklinien, Flimmererscheinungen, Sprachstörungen, Missempfindungen oder auch Lähmungen.

Der Kopfschmerz vom Spannungstyp ist ein beidseitiger dumpf-drückender Kopfschmerz. Die Schmerzintensität ist schwach bis mittelstark. Die Dauer beträgt 30 Minuten bis zu 7 Tage. Die übliche Tätigkeit wird zwar behindert, jedoch nicht unmöglich gemacht. Lärm- oder Lichtüberempfindlichkeit können bestehen, Übelkeit oder Erbrechen treten typischerweise nicht auf. Kopfschmerz vom Spannungstyp kann auch chronisch an mehr als 15 Tagen in Monat auftreten.

Kopfschmerzen können vielfältig, auch kombiniert bestehen. Am häufigsten finden sich eine Migräne und ein Kopfschmerz vom Spannungstyp. Gerade bei Migränepatienten treten bei über der Hälfte der betroffenen Patienten auch Spannungskopfschmerzen auf. Daneben können auch weitere Kopfschmerzformen bestehen, wie z.B. Kopfschmerz bei Bluthochdruck oder der Medikamentenübergebrauchskopfschmerz. Daher ist es sehr wichtig, dass man ganz spezifisch die verschiedenen Diagnosen herausarbeitet und dann gezielt in der Therapie dagegen vorgeht.

Welche Ursachen gibt es?

Wir unterscheiden heute 367 verschiedene Kopfschmerzhauptdiagnosen. „Den“ Kopfschmerz gibt es genauso wenig wie „den“ Bauchschmerz. Die genaue Differenzierung der Schmerzmechanismen und der Bedingungen, die den Schmerz unterhalten, ist daher von zentraler Bedeutung. Bei den häufigsten Kopfschmerzen, der Migräne und dem Kopfschmerz vom Spannungstyp sowie bei dem Medikamentenübergebrauchskopfschmerz, sind die Mechanismen heute sehr gut bekannt, man kann auch daher spezifisch in die Schmerzmechanismen eingreifen.

Der Migräneschmerz entsteht durch eine sogenannte neurogene Entzündung an den Blutgefäßen der Hirnhäute. Dort werden bestimmte Nervenbotenstoffe freigesetzt, die lokal eine Entzündung bedingen. Dies führt zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit der Gefäßhäute, jede Erschütterung, jede Bewegung, jedes Pulsieren und Pochen tut daher weh. Die Auslösung der übermäßigen Freisetzung dieser Entzündungsstoffe entsteht durch eine Aktivierung von bestimmten Nervenkernen im Hirnstamm. Dies ist eine Folge an übermäßigen Regulierungen aufgrund Energiedefizite durch erhöhten Energieumsatz in den Nervenzellen. Es sind heute 38 Risikogene für die Migräne bekannt. Diese führen zu einer Verstärkung und Freisetzung der besprochenen Neurotransmittern im Nervensystem. Daraus leitet sich ab, dass die Migränetherapie komplex in dieses Geschehen eingreifen muss, um das Kopfschmerzgeschehen zu stabilisieren. Kopfschmerzen können schwer behindernde Erkrankungen sein, denen biologische Mechanismen zugrunde liegen.

Beim Kopfschmerz vom Spannungstyp ist nach heutiger Vorstellung eine Erschöpfung der zentralen Schmerzverarbeitung im Gehirn ursächlich verantwortlich. Das körpereigene Schmerzregulationssystem ist durch die übermäßige Inanspruchnahme durch Schmerzreize erschöpft, Schmerzmechanismen können nicht mehr ausreichend reguliert werden und es kommt zu einer zunächst episodischen und bei mangelnder Regeneration zu einer chronischen Überbeanspruchung mit den entsprechenden Schmerzepisoden bis zu einem Dauerschmerz.

Die Entstehung des Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch wird mit einer schmerzmittelbedingten Erschöpfung des körpereigenen Schmerzabwehrsystems erklärt. Durch die häufigen Schmerzattacken und die übermäßige Einnahme von akuten Schmerzmitteln wird das körpereigene Schmerzabwehrsystem zunehmend geschwächt und es entstehen zunehmend mehr Kopfschmerzepisoden bis hin zu einem Dauerkopfschmerz am Ende der Entwicklung.

Wie sehen die Behandlungsmöglichkeiten bei Kindern aus?

  • Information: Gerade bei Kindern sind Information, Wissen und verhaltensmedizinische Maßnahmen die wichtigsten Therapiesäulen. Die Kopfschmerztherapie bei Kindern soll sich nicht auf die Behandlung von Symptomen und kritischen Krankheitszuständen beschränken. Die Therapie muss vielmehr ihr Augenmerk darauf lenken, dass seelisch-körperliche Gleichgewicht zu erhalten und wiederherzustellen, die Organfunktionen zu stärken und möglichen Krankheitsmechanismen vorzubeugen.
  • Vermeidung von Stress: Ein wichtiger Auslöser von Migräneanfällen bei Kindern sind körperliche Überanstrengung und Stress. Solche Faktoren können immer dann wirken, wenn Kinder z.B. zu lange oder zu kurz schlafen. Unregelmäßiges Zubettgehen und unregelmäßiges Aufstehen sollten bei Kindern mit Migräne vermieden werden.
  • Ernährung: Auch ein plötzlicher Wechsel in der Ernährung und im Essverhalten ist zu vermeiden. Dazu gehört z.B. das hastige Frühstück oder das sogar aufgrund des zu lange im Bett Liegens ausgelassene Frühstück vor der Schule.
  • Umwelt: Aber auch äußere Faktoren, die man nur schlecht selbst beeinflussen kann, können körperlichen Stress verursachen. Dazu zählen eine hohe Luftfeuchtigkeit bei schwülem Wetter, große Hitze, plötzliche Wetterveränderungen, schlechte Luftverhältnisse durch wenig belüftete Räume, starke Gerüche, plötzlich veränderte Lichtverhältnisse, Lärm oder Windzug. Kopfschmerzen können bei Kindern auch durch äußeren Druck ausgelöst werden, z.B. durch Haarbänder, enge Stirnbänder, Mützen oder Schwimmbrillen.
  • Sport: Exzessive Sportaktivitäten können ebenfalls zu Migräneanfällen führen. Die Kinder sollten möglichst auf Sportarten ausweichen, bei denen eine sehr schnelle Veränderung der körperlichen Aktivität nicht erforderlich ist. Idealerweise sind dafür Schwimmen, Laufen, Radfahren oder andere Ausdauersportarten geeignet.
  • Ein unregelmäßiges Leben, Anspannung, Ängste, Stress und psychische Überlastung sind hauptsächliche potente Auslöser für Migräneanfälle bei Kindern.
  • Digitale Medien und TV: Häufiges Fernsehen mit Aufnahme der oft aggressiven und belastenden Inhalte, Computerspiele, das lange Verweilen am Gameboy, aufpeitschende Musik und viele Termine im Zeitprogramm sind bei Kindern oft Alltag. All dies kann Migräneanfälle auslösen. Gerade Kinder mit Migräne sind besonders sensibel für intensive Gerüche, diese sollte man vermeiden.
  • Licht: Auch ständig wechselnde Veränderungen der Lichtverhältnisse sollten vermieden werden. Dazu zählt auch der – oft gut gemeint – platzierte Schreibtisch vor einem Fenster. Die ständige Anpassung an die Hell-Dunkel-Situation ist ein permanenter Stressfaktor für das Nervensystem und kann Migräneattacken auslösen. Wenn Kinder besonders häufig in der Schule Migräneanfälle erleiden, sollte man den Sitzplatz des Kindes in der Schule in Augenschein nehmen und darauf achten, ob möglicherweise ungünstige wechselnde Lichtverhältnisse als Auslöser identifiziert werden können. Ein Umsetzen des Kindes kann dann das Problem reduzieren. Bei Jugendlichen kann Flackerlicht in Diskotheken in Verbindung mit Lärm ebenfalls ein potenter Migräneauslöser sein.
  • Wenn starke Schmerzen auftreten, die sogar mit schwerer Übelkeit oder Einbrechen einhergehen, sollte eine medikamentöse Attackentherapie eingeleitet werden. Bevor jedoch ein spezielles Präparat eingesetzt wird, sollte ein Arzt befragt werden, und es sollten die erforderlichen medizinische Untersuchungen durchgeführt werden. Auch kann es notwendig sein, dass aufgrund der hohen Anzahl von Kopfschmerztagen pro Monat eine vorbeugende medikamentöse Therapie notwendig ist. Auch dies sollte im Rahmen einer ärztlichen Untersuchung geklärt werden.

 Ist die Krankheit bei Kindern weniger schwerwiegend als bei Erwachsenen?

In jedem Lebensalter kann es schwerwiegende Verläufe geben. Gerade Kinder und Jugendliche können aufgrund von Kopfschmerzen nicht mehr an einem geregelten Leben teilnehmen, müssen die Schulte abbrechen und ihr Leben läuft aus dem Ruder.

Welche Präventionsmöglichkeiten gibt es?

Unsere aktuelle wissenschaftliche Analyse hat gezeigt, dass knapp drei Viertel der Kinder und Jugendlichen über Kopfschmerzen an Schulen klagen, aber nur 30 Prozent die korrekte Diagnose für ihre Beschwerden kennen. 37,5 der Betroffenen nehmen Kopfschmerzmittel ohne ärztliche Verordnung. Wissen und Information sind die beste Medizin. Wir haben daher die Aktion Mütze initiiert. Kinder und Jugendliche sollen zu ihren eigenen Kopfschmerzexperten gemacht werden.

Die Comicfigur Mütze hat Kopfschmerzen und geht zum Arzt. Der hat viele Tipps, was man tun kann, damit Kopfschmerzen gar nicht erst auftreten. Mit Witz und Charme nimmt Sympathiefigur „Mütze“ junge Leute mit auf Entdeckungstour: Woher kommen Kopfschmerzen? Welche Rolle spielen Medikamente? Was bedeutet „Prävention“ und wer kann dazu beitragen, Kopfschmerzen zu vermeiden? Doch der Comic motiviert auch kopfschmerzfreie Leser, sich schlau zu machen und vorzubeugen. Das Projekt richtet sich an Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 9 und 16 Jahren sowie deren Familien.

Die „Aktion Mütze – Kindheit ohne Kopfzerbrechen“ stellt siebten Klassen kostenfreie Unterrichtsmaterialien zur Kopfschmerzprävention zur Verfügung. 21 Krankenkassen fördern das Projekt bundesweit im Rahmen ihres gesetzlichen Präventionsauftrages. Die Ergebnisse der begleitenden wissenschaftlichen Befragung belegen hohe Fallzahlen und eine unzureichende Versorgung der kopfschmerzbetroffenen Kinder und Jugendlichen. Mit einem neuen Comicfilm schaffen die Initiatoren ein Angebot, das Schülerinnen und Schüler über die Entstehung und die Behandlung von Kopfschmerzen zeitgemäß informiert. Weitere Infos siehe http://www.schmerzklinik.de/2016/09/30/mutze-hat-den-kopfschmerz-satt-der-comicfilm-zur-aktion-mutze-gegen-migrane-und-kopfschmerzen-in-der-schule/

-Wie ist die Prognose bei einer akuten Migräneerkrankung bei einem Kind?

Es werden heute über 367 Hauptdiagnosen von Kopfschmerzen unterschieden. Die häufigsten Kopfschmerzformen umfassen die Migräne und den Kopfschmerz vom Spannungstyp. Die Migräne basiert auf einer genetischen Anlage, es sind heute 38 Risikogene und 44 verschiedene Genvarianten bekannt, die die Migränewahrscheinlichkeit erhöhen. Grundsätzlich bleiben diese genetischen Grundlagen ein Leben lang präsent.

Migräne bedeutet in der Regel, dass man über mehrere Dekaden des Lebens von dieser besonders Reaktionsbereitschaft behaftet ist. Alles zu Schnelle, alles zu Plötzliche, alles zu Viele und alles zu Impulsive kann Migräneattacken auslösen. Dies erfordert eine angepasste Lebensweise. Der Traum, dass es irgendeine Möglichkeit gibt, die Migräne abzustellen und abzuschalten und dann ungebremst leben zu können wie man möchte, ist nicht zielführend. Migräne ist eine schwerwiegende Erkrankung, die intensiv durch Wissen, Information, Verhaltensmaßnahmen sowie gegebenenfalls auch medikamentöse Therapiemaßnahmen nachhaltig behandelt werden muss. Vergleichbar ist dies mit dem Sonnenbrand: Man kann sich davor aktiv schützen, die Empfindlichkeit dafür bleibt jedoch bestehen. Andererseits gibt es auch symptomatische Kopfschmerzen, die durch Behandlung der Grundkrankheit komplett gestoppt werden. Bei den sogenannten primären Kopfschmerzen, die eigenständige Erkrankungen sind, ist dies nicht der Fall.

Das ausführliche Interview finden Sie auf:

http://www.spiegel.de/plus/neurologe-im-interview-wie-sie-migraene-gefahr-schon-im-kindesalter-erkennen-a-cdbeaa1e-cb47-4414-8f5f-c8c850a5b8c1