„Nun seid doch endlich mal still!“ – Dass die Zwerge im Kindergarten dieser Aufforderung der Erzieherin länger als einen kurzen Augenblick nachkommen, ist natürlich reines Wunschdenken. Eltern, die ihre Kinder abholen, fragen sich immer wieder, wie man über Stunden einen solchen Lärmpegel – und den noch regelmäßig angereichert mit besonders grellen Frequenzen – ertragen kann.

In einer Broschüre „Lärmprävention in Kindertageseinrichtungen“ der gesetzlichen Unfallversicherungsträger werden für Kindertagesstätten über sämtliche Phasen des Arbeitstages deutlich erhöhte Spitzenpegel von über 80 dB(A) angegeben (http://www.kindergaerten-in-aktion.de/downloads/Laermpraevention.pdf). Über 50 % der Befragten schätzen demnach den Lärm in Kindertageseinrichtungen als ziemlich bis sehr stark belastend ein. Der Lärm habe Auswirkungen auf vegetative und hormonelle Funktionen sowie das Immunsystem. Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden im Übermaß freigesetzt, die Pulsfrequenz sowie der Blutdruck steigen. Die Lärmbelastung gilt als ein Grund dafür, dass Erzieherinnen und Erzieher im Vergleich zu anderen Arbeitnehmern 12 % mehr Arbeitsunfähigkeitstage aufweisen.

Diese Angaben beziehen sich wohlgemerkt auf die Gesamtheit aller Erzieherinnen und Erzieher. Wie soll es da erst der Untergruppe gehen, die besonders lärmempfindlich sind – den Kopfschmerzpatienten und hier insbesondere den Migränepatienten?

Die Reizüberempfindlichkeit gegenüber Licht und Lärm ist in dieser Kombination so charakteristisch für einen Migräneanfall, dass sie als krankheitsdefinierende Begleitsymptome Eingang in die Kopfschmerzklassifikation der Migräne gefunden haben.

Diese Überempfindlichkeit hört jedoch nicht mit der Attacke auf. Sie ist ein ständiges Merkmal der Betroffenen. Wer Migräne nicht aus eigenem Erleben kennt, reagiert hierauf nicht selten mit Unverständnis. Für den Gesunden scheint es unverständlich, dass „normallaute“ Geräusche unangenehm, ja schmerzhaft sein sollen? Das ist ebenso schwer nachvollziehbar wie das Tragen einer Sonnenbrille im Haus! Aber stellt sich hier wirklich nur wieder ein(e) Prinz(essin) auf der Erbse besonders an?

2008 nahm sich ein Forscherteam aus den USA der Aufgabe an, die Lärmempfindlichkeit von Migränepatienten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen sowohl im Anfall als auch außerhalb des Anfalls zu quantifizieren. Die Probanden wurden zunehmend lauteren akustischen Reizen in drei verschiedenen Frequenzen (1000, 4000 und 8000 Hz, also tiefe, mittlere und hohe Töne) ausgesetzt. Bestimmt wurde jeweils die „sound aversion threshold“, also die Schwelle, bei der die Lautstärke des Reizes als unangenehm oder schmerzhaft (wörtlich: aversiv = Widerwillen hervorrufend) empfunden wurde. Die Schwelle lag bei Gesunden im Durchschnitt bei 105,9 dB, wobei kein wesentlicher Unterschied zwischen den drei Frequenzen festzustellen war. Bei Migränepatienten außerhalb einer Attacke lag die Schwelle bei 90,4 dB, also deutlich niedriger. Migränepatienten sind also tatsächlich auch im kopfschmerzfreien Intervall lärmempfindlicher.

Die Lautstärke wird in dB logarithmisch gemessen. Ein Unterschied von 10 dB bedeutet eine um den Faktor 100 (!) höhere Reizintensität. Migränepatienten sind also im Intervall um mehr als 100 x empfindlicher als Gesunde. Wiederholte man die Untersuchung im Migräneanfall, sank die tolerierte Lautstärke dann noch dramatischer auf 76.0 dB! Kein Wunder, dass Patienten sich im Migräneanfall am liebsten in ein ruhiges Zimmer zurückziehen und sich selbst am tickenden Wecker stören.

Die Lärmempfindlichkeit im Migräneanfall war dabei weder abhängig von der Dauer und Stärke der Migräneattacke noch der Attackenfrequenz. Frauen, egal ob unter Migräne leidend oder nicht, waren grundsätzlich etwas lärmempfindlicher als Männer.

Wenn man diese Studienergebnisse mit dem anfangs beschriebenen Lärmpegel in den Kindertagesstätten vergleicht, dann kann man als „Kinderabholer“ nachvollziehen, wie belastend es sein muss, dort mit Migräne zu arbeiten. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass die Zahl der Erzieherinnen die der Erzieher deutlich überschreitet. Vor allem aber leitet sich aus derartigen Untersuchungen ab, dass Migränepatienten wirklich die Notwendigkeit für Rücksichtnahme haben, wenn sie unter Lärm-, Licht- oder Geruchsüberempfindlichkeit leiden!

 

Korrespondenz:

Dr. med. Axel Heinze
Leitender Oberarzt
Neurologisch-verhaltensmedizinischen Schmerzklinik Kiel
Heikendorfer Weg 9-27
24149 Kiel
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