Paracetamol-Exposition während der Schwangerschaft erhöht nach neuen Studien bei den Kindern das Risiko u.a. für schwergradige Entwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Hyperaktivitätssyndrom (HAS)

Paracetamol gehört zu dem am meisten verwendeten Schmerzmittel während der Schwangerschaft. Mehrere Studien der letzten Jahre haben ein erhöhtes Risiko für Hodenhochstand und Unfruchtbarkeit bei Jungen und Asthma bei Kindern nach Paracetamol-Exposition während der Schwangerschaft beschrieben. In Hinblick auf die geringe Wirksamkeit von Paracetamol bei Schmerzen reichen alleine diese Risiken aus, um von der Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft zu warnen. Gleichwohl wird weiter in Publikationen Paracetamol als unbedenklich den Schwangeren geradezu aufgedrängt. Zwei neue Studien der letzten Monate haben nun weitere überraschende und erschreckende neue Risiken für die Paracetamol-Einnahme in der Schwangerschaft dokumentiert.

In einer norwegischen Mutter- und Kind-Studie wurden die vorgeburtliche Paracetamol-Exposition und die kindliche Entwicklung des Nervensystems untersucht (Brandlistuen et al. 2013). Hintergrund der Studie war, dass Paracetamol in vielen Ländern sehr extensiv in der Schwangerschaft eingesetzt wird, jedoch Studien zu möglichem Störungspotenzial der neuronalen Entwicklung des ungeborenen Kindes fehlen. Zwischen 1999 und 2008 wurden alle schwangeren norwegischen Frauen in die prospektive norwegische Mutter- und Kind Kohorten-Studie aufgenommen. Die Mütter wurden gebeten, den Einsatz von Paracetamol zwischen der 17. und 30. Schwangerschaftswoche sowie sechs Monate nach der Geburt zu berichten. Insgesamt wurden die Daten von 48.631 Kindern in die Studie aufgenommen, deren Mütter den Fragebogen bis zur 3-jährigen Nachuntersuchung im Mai 2011 ausfüllten. In dieser Stichprobe waren auch 2.919 gleichgeschlechtliche Geschwisterpaare, die zur Kontrolle eines familiären und genetischen Einflussfaktors herangezogen werden konnten, untersucht. Analysiert wurde die psychomotorische Entwicklung, das kindliche Verhalten sowie emotionale Parameter im Zusammenhang mit der pränataler Paracetamol-Exposition. Zahlreiche Faktoren wurden kontrolliert, die die Entwicklung beeinflusst haben könnten, diese schlossen u.a. Infektionen, Fieber sowie weitere Medikation während der Schwangerschaft ein.

  • Die sorgfältig kontrollierten Analysen ergaben überraschend, dass Kinder, die eine vorgeburtliche Paracetamol-Exposition für mehr als 28 Tage erfuhren, eine schlechtere gesamtmotorische Entwicklung aufwiesen, das Kommunikationsverhalten, das Sozialverhalten nach außen und nach innen gestört war und die Kinder verstärkte Hyperaktivität zeigten.
  • Auch Kinder, die nur eine Kurzzeitexposition für Paracetamol pränatal hatten (1-27 Tage) hatten ebenfalls eine schlechtere gesamtmotorische Entwicklung, jedoch waren die Effekte geringer als bei Langzeiteinnahme.
  • Die Einnahme von Ibuprofen war nicht mit Störungen der neuronalen Entwicklung verbunden.

Die Autoren schlussfolgern, dass Kinder, die pränatal mit Paracetamol in Kontakt kommen, eine substantielle neuronale Entwicklungsstörung drei Jahre nach der Geburt aufweisen.

Eine zweite umfangreiche dänische Studie (Liew et al. 2014) untersuchte den Zusammenhang zwischen einer Paracetamol-Exposition in der Schwangerschaft sowie hyperkinetischen Störungen (HKS) und Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). Die Studie geht davon aus, dass Paracetamol die am meisten verwendete Schmerzmedikation während der Schwangerschaft in vielen Ländern ist. Neue Forschungsdaten lassen annehmen, dass Paracetamol ein sogenannter Hormon-Disruptor ist, also ein Stoff, der wie ein Hormon wirkt und so das Gleichgewicht des Hormonsystems des Menschen stören kann. Hintergrund ist, dass Veränderungen des Hormonstoffwechsels während der Schwangerschaft die kindliche Hirnentwicklung vor der Geburt beeinflussen können. Vor diesem Hintergrund untersuchte die Studie, ob Paracetamol das Risiko für die Entwicklung von ADHS oder ähnlichen hyperkinetischen Erkrankungen bei Kindern erhöhen kann.

Insgesamt wurden 64.322 Kinder und Mütter in die Studie zwischen 1996 und 2002 aufgenommen. Die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft wurde prospektiv über computerassistierte Telefoninterviews während der Schwangerschaft erfasst. Sechs Monate nach der Geburt erfolgte eine Nachuntersuchung. Um mögliche Verhaltensprobleme und hyperkinetische Erkrankungen zu dokumentieren wurden verschiedene methodische Mittel eingesetzt. Diese schließen Elternberichte über Verhaltensprobleme der Kinder im Alter von 7 Jahren ein, die dokumentierten hyperkinetischen Störungen des dänischen nationalen Krankheitsregistern und des dänischen psychiatrischen Zentralregisters und Verschreibungen von Medikamenten gegen Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörungen (in erster Linie Ritalin) mittels des dänischen Verordnungsregisters. Es wurde das Gefährdungsrisiko errechnet an einer hyperkinetischen Störung zu erkranken oder eine Verordnung für ein ADHD-Medikament zu bekommen.

Die Studie erbrachte ebenfalls ein Reihe unerwarteter Ergebnisse:

  • Mehr als die Hälfte aller Mütter berichteten, dass sie während der Schwangerschaft Paracetamol einsetzten.
  • Kinder von Müttern, die Paracetamol während der Schwangerschaft verwendeten, zeigten ein um den Faktor 1,37 erhöhtes Risiko für eine Krankenhausdiagnose einer hyperkinetischen Erkrankung.
  • Das Risiko für eine Verordnung von ADHD-Medikamenten war im Mittel um den Faktor 1,29 erhöht.
  • Das Risiko eine AHDH-ähnliche Verhaltensstörung im Alter von 7 Jahren aufzuweisen war im Mittel um den Faktor 1,13 erhöht.
  • Noch höhere Risikofaktoren zeigten sich, wenn Paracetamol länger als ein Trimester während der Schwangerschaft verwendet wurde, ebenfalls erhöhte sich das Risiko mit höherer Einnahmefrequenz und -dosis von Paracetamol.
  • Faktoren wie Entzündungserkrankungen, Infektionserkrankungen während der Schwangerschaft sowie psychische Erkrankungen der Mutter schienen keinen Einfluss auf diese Ergebnisse zu haben.

Die dänische Autorengruppe schlussfolgert, dass Paracetamol während der Schwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für hyperkinetische Störungen und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) einhergeht. In Hinblick auf die hohe Einnahmehäufigkeit von Paracetamol während der Schwangerschaft sind diese Ergebnisse von hoher Relevanz für das öffentliche Gesundheitsverhalten und erfordern weitere Untersuchungen.

Die Co-Autorin Dr. Beate Ritz, Leiterin der Abteilung für Epidemiologie der Fielding School of Public Health, University of California, Los Angeles (UCLA) erklärt die Daten: „Das ADHS-Risiko erhöht sich mit der Häufigkeit der Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft. Wir dachten immer, Paracetamol ist harmlos und es schadet nicht, es während der Schwangerschaft einzunehmen, und möglicherweise ist es auch so, wenn man es einmal oder zweimal nimmt. Nimmt man es jedoch wiederholt, steigt das Risiko zunehmend an.“

Lebenslange Risiken

Diese neuen Studien belegen abermals, dass die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft mit hohen lebenslangen Risiken für das ungeborene Kind einhergeht. Schwangere Frauen werden seit Jahrzehnten nahezu bedrängt, Schmerzen während der Schwangerschaft mit Paracetamol zu behandeln. Es wird suggeriert, dass es sich um die sicherste Medikation gegen Schmerzen handelt. Der Wirkstoff kann jedoch die Placenta passieren und das ungeborene Leben direkt in seiner Entwicklung beeinflussen.
Die dänische Studie zeigt, dass für Kinder im 11 Lebensjahr das Risiko an einer ADHD-ähnlichen Störung zu erkranken um mehr als 30% höher ist, wenn Paracetamol während der Schwangerschaft eingenommen wurde. Das Risiko an einer schweren Form einer Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung zu erkranken ist bis zu 37% höher bei Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen haben im Vergleich zu Kindern, deren Mütter kein Paracetamol während der Schwangerschaft eingenommen haben. Je länger die Paracetamol-Einnahme während der Schwangerschaft erfolgte, umso höher ist das Risiko für die Entstehung von ADHD. Wird über einen Zeitraum von mehr als 20 Wochen Paracetamol während der Schwangerschaft eingenommen, verdoppelt sich nahezu das Risiko für ADHD.

Diese neuen Studien sind von zentraler Bedeutung für schwangere Frauen und für Frauen, die schwanger werden möchten. ADHD-Diagnosen sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich häufiger geworden. Nach Studien in den Vereinigten Staaten ist die Häufigkeit von ADHD pro Jahr um 3% zwischen den Jahren 1997 und 2003 angestiegen und um 5% in den Jahren zwischen 2006 und 2011 (Daten des US Centers for Disease Control and Prevention). Es wird angenommen, dass heute bereits mehr als 11% der Kinder im Alter zwischen 4 und 17 Jahren an ADHD erkrankt sind.

Die Studien haben nicht die exakte Dosis erfasst. Auch ist eine entsprechende Studienanlage nicht geeignet nachzuweisen, dass Paracetamol ADHD verursacht. Sie belegt jedoch, dass die Einnahme von Paracetamol das Risiko für ADHD erhöht. Es besteht daher der begründete Verdacht, dass Paracetamol ein bedeutender Risikofaktor für die ADHD-Entstehung ist. Die Studie war nicht angelegt, die genauen Mechanismen der ADHD-Entstehung zu analysieren. Die Autoren erörtern jedoch, dass der Eingriff von Paracetamol auf den Hormonhaushalt die Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems stören kann.

In Verbindung mit den vielfältigen Hinweisen, dass Paracetamol mit einem erhöhten Risiko für Asthma und Hodenhochstand bei vorgeburtlicher Exposition einhergeht, ist die Empfehlung, Paracetamol als sicheres und unbedenkliches Medikament während der Schwangerschaft einzusetzen, nicht mehr haltbar. Der Nutzen von Paracetamol ist gering. Es ist bei schweren Schmerzen nicht wirksam, bei Einsatz bei schwachen Schmerzen muss das jetzt bestehende umfangreiche Risiko für verschiedenste schwerwiegende lebenslange Erkrankungen abgewogen werden. Zudem gibt es für Paracetamol eine Alternative, die nicht mit den oben beschriebenen Risiken verbunden sind, nämlich Ibuprofen. Im ersten und zweiten Trimenon kann Ibuprofen ohne die vorbeschriebenen Risiken verwendet werden. NSARs wie Ibuprofen sollten jedoch im dritten Trimenon nicht eingesetzt werden. Paracetamol hilft gerade bei Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und anderen ähnlichen Alltagsschmerzen nur sehr eingeschränkt. Bei schweren Schmerzen ist es weitestgehend nutzlos. Gerade bei Kopfschmerzen sollten Ruhe, Reizabschirmung, Entspannung in erster Linie eingesetzt werden. Pfefferminzöl hat sich in kontrollierten Studien gegen Spannungskopfschmerzen ebenso wirksam erwiesen wie Paracetamol. Mit Rückblick auf die jetzt bekannten erheblichen Risiken fällt die Risikoabwägung für Paracetamol negativ aus, die Risiken überwiegen deutlich dem limitierten Nutzen.

Es ist in jedem Fall unabdingbar, dass Frauen, die während der Schwangerschaft eine Schmerzbehandlung brauchen, auf die jetzt bekannten Risiken eindeutig hingewiesen werden. Sie sollten sich vor der Anwendung folgende Fragen stellen: Möchte ich, dass mein Kind durch die Einnahme eines schwach wirkenden Schmerzmittels

  1. ein erhöhtes Risiko für Unfruchtbarkeit bekommt?
  2. ein erhöhtes Risiko für Allergien und Asthma bekommt?
  3. ein erhöhtes Risiko für eine schlechtere gesamtmotorische Entwicklung, beeinträchtigtes Kommunikations- und Sozialverhalten sowie verstärkte Hyperaktivität bekommt?
  4. ein erhöhtes Risiko für hyperkinetische Störungen (HKS) und Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) bekommt?

 

Fazit

Wenn nur eine dieser Fragen mit nein beantwortet wird, wird man sich auch im Zweifel für das Wohl des ungeborenen Kindes entscheiden.

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Literatur

1: Brandlistuen RE, Ystrom E, Nulman I, Koren G, Nordeng H. Prenatal paracetamol exposure and child neurodevelopment: a sibling-controlled cohort study. Int J Epidemiol. 2013 Dec;42(6):1702-13. doi: 10.1093/ije/dyt183. Epub 2013 Oct 24. PubMed PMID: 24163279; PubMed Central PMCID: PMC3887567.

2: Liew Z, Ritz B, Rebordosa C, Lee PC, Olsen J. Acetaminophen Use During Pregnancy, Behavioral Problems, and Hyperkinetic Disorders. JAMA Pediatr. 2014 Feb 24. doi: 10.1001/jamapediatrics.2013.4914. [Epub ahead of print] PubMed PMID:24566677.