Zum neuen Jahr: Offener Brief an die Migräne

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Zum neuen Jahr: Offener Brief an die Migräne

Eine Betroffene schrieb zum
Jahresanfang einen Brief
an ihre Migräne:

Liebe Migräne,

es fällt mir auch 2014 sehr schwer „Freundschaft“ mit dir zu schließen, auch wenn ich gerade heute wieder festgestellt habe, dass du es eigentlich gut mit mir meinst. Du „bremst“ mich zwangsweise aus, wenn ich mich mal wieder überfordert habe – mit Menschen oder Situationen. Wenn ich mal wieder Andere vor mein Wohl gesetzt habe und mich habe „zumüllen“ lassen. Ja, ich gebe zu, ich möchte immer „funktionieren“ und keine Schwäche zeigen – ist ja schon gut – du hast ja recht! Könntest du mich nicht einfach mal etwas „härter“ machen, mir etwas von dieser Hypersensibilität nehmen?

Ja, ich weiß, du meinst es nur gut mit mir, aber muss das immer so weh tun und mich so aus der Bahn werfen? Dieses Mal bist du ja auch noch ungeheuer „arbeitgeberfreundlich“ und kommst am Wochenende … Ich weiß, es muss sich dieses Jahr einiges ändern und ich verspreche dir, dass ich mich wirklich auf die Hinterfüße stellen werde um es auch umzusetzen. Aber was soll ich tun, auch wenn ich unter meiner Arbeitsstelle leide, weil sie mich „stigmatisiert“ haben, weil ich anders bin und krankheitsbedingt nicht (mehr) so leistungsfähig wie früher, dass sie mich mit „Personalgesprächen“ bombardieren und mich mit noch nicht 40 in die EU-Rente abschieben wollten, so kann ich doch nicht einfach alles hinschmeißen?

Du weißt liebe Migräne, ich arbeite sehr hart an mir, weil ich weiß, ich kann andere Menschen nicht ändern, nur mich selbst und glaub mir, es ist ein hartes Stück Arbeit immer wieder sich selbst zu motivieren, immer wieder auf die Anderen zuzugehen. Sie schließen mich aus, sie ignorieren mich, für meinen Arbeitgeber bin ich nur eine Last – nur „geduldet“. Von „Fürsorgepflicht“ wird nur geredet – in Wirklichkeit will man gar nichts für mich tun, wie die letzten Jahre immer wieder gezeigt haben.

Du weißt, liebe Migräne, ich hab mich immer gewehrt, hab mich stark gezeigt, aber es hat mich viel Kraft gekostet und viele Tränen (heimlich geweint). Ich habe mich NICHT unterkriegen lassen, ich habe NICHT klein beigegeben, obwohl man mich wie das Allerletzte behandelt hat. Weißt du, ich möchte mich gar nicht beschweren, denn ich kenne das Leben nicht anders, als dass ich kämpfen muss. Aber könnte jetzt nicht mal ein wenig Ruhe einkehren? So langsam weiß ich nicht mehr, wo ich die Kräfte noch hernehmen soll … Ich bin immer so erschöpft, schaffe es morgens fast nicht (mehr) aufzustehen, der Schlaf lässt trotz Medikamenten zu wünschen übrig, ich bin einfach nicht erholt. Die Sorge um die Zukunft, wie lange ich das noch durchhalte lässt mich manchmal nicht los, auch wenn ich weiß, irgendwie geht es immer weiter.

Weißt du, liebe Migräne, irgendwo sollte ich dir wirklich dankbar sein, das ist das Fazit dieses Briefes. Weil du mir die Grenzen aufzeigst, die ich selbst nicht mehr gewahrt habe, die mir nicht mehr bewusst sind. Außerdem habe ich – was für ein Glücksfall und was für ein Gottesgeschenk – eine ganz tolle Gruppe gefunden – auch eine ganz tolle Truppe in Facebook und ich habe so wertvolle Tips gefunden zur Prophylaxe und für den Umgang mit dir. Ende letzten Jahres konnte ich auch endlich wieder mit etwas Ausdauersport anfangen und ich schaffe es, mich davon nicht auch noch unter Druck setzen zu lassen, mache das ganz ohne „Stress“ und ich merke, das tut mir gut, es ist ein guter Ausgleich zu all dem Anderen. Der Kopf wird „frei“ und die Gedanken fahren nicht Achterbahn – da gibt es endlich mal Ruhe und auch du liebe Migräne hast dann endlich mal „Sendepause“. Siehst du, ich bin fürsorglich – selbst zu dir. Deshalb gönne ich dir und meinem Kopf jetzt auch heute Ruhe, denn du hast mich mal wieder fest im Griff.

Fazit ist, dass auch du liebe Migräne bei all dem Schlechten etwas Gutes hast – du bist wie ein „Stoppschild“, ein „Warnsignal“ – das rote Lämpchen wie eine Ampel das anzeigt „STOPP – DAS WAR ZUVIEL“. So versuche ich aus dem das weh tut – nämlich dir auch ein positives Resümee zu ziehen – danke für deine Fürsorge. Mein Bett ruft und das dunkle Zimmer.

Danke für Alles, du bist gar nicht so blöd, wie ich dachte.
Dein Kopf

3 Kommentare

  1. Heike 4. März 2014 um 10:43 Uhr

    Liebe Unbekannte, Dein Brief hat mich tief berührt. Danke!!!

  2. Bettina Frank 8. Januar 2014 um 1:04 Uhr

    Der Brief ist auch in unserem Migräne- und Kopfschmerzforum Headbook http://www.headbook.me eingestellt und wird bereits lebhaft diskutiert. Jeder ist herzlich eingeladen, sich an den Diskussionen zu beteiligen.

    Dieser Link führt direkt zur Diskussion: http://www.headbook.me/groups/migraene-positive-nebenerscheinungen/forum/topic/brief-an-die-migraene/

    Herzliche Grüße
    Bettina Frank

  3. Kerstin aus Berlin 7. Januar 2014 um 21:09 Uhr

    … dieser Brief hätte auch von mir sein können, ich habe wirklich alles versucht meine Migräne in den *Griff* zu kriegen… aber nach diesem Brief weiß ich wieder das ich unbedingt bei MIR bleiben muss…mein Leben anschauen und an mich denken – mir Schönes gönnen – ich hab geweint als ich das alles las´ , geweint weil es die Wahrheit ist was ich da lese – die ich offenbar so sehr verdränge …
    Vielen Dank für diesen Brief …

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