Als neue Behandlungsmöglichkeit der chronischen Migräne wurde die Neuromodulation in Form der Occipitalis-Neuromodulation (ONS) im Jahr 2012 zugelassen. Häufige Fragen zu diesem neuen Verfahren werden im obigen NDR-Beitrag sowie im Text beantwortet:

Welche Migräneformen gibt es, wieviele sind betroffen?

Migräne betrifft ca. 14% der erwachsenen Bevölkerung. Heute werden 22 verschiedene Migräneformen unterschieden. Die häufigste Form ist die Migräne ohne Aura mit ca. 80-90%. Die Migräne mit neurologischen Begleitstörungen tritt in ca. 10% der Attacken auf. Die Migräne beginnt in der Regel im 5. bis 6. Lebensjahr. Der Auftretensgipfel liegt zwischen 30 und 40 Jahren. In dieser Lebensspanne ist ca. jede dritte Frau betroffen. Etwa zwei- bis dreimal mehr Frauen als Männer sind an Migräne erkrankt. Die Migräne ist keine Alterserkrankung, die Häufigkeit reduziert sich ab dem 65. Lebensjahr deutlich. Migräne behindert damit am stärksten während der produktiven Lebensphase. Ca. 0,5% der Bevölkerung ist von sehr schweren Migräneverläufen, der sog. chronischen Migräne, betroffen. Bei ihnen können Migräneattacken an 15 bis 30  Tagen im Monat bestehen.

Wie erkennt man die chronische Migräne?

Die chronische Migräne ist eine besonders schwere, für die Betroffenen katastrophale, Verlaufsform der Migräne. Die betroffenen Patienten leiden an mehr als 15 Tagen pro Monat an schweren Kopfschmerzen. Die hohe Häufigkeit der Kopfschmerztage pro Monat besteht seit mindestens drei Monaten. Ein Medikamentenübergebrauch liegt nicht vor, so dass es sich bei der chronischen Migräne um eine spontan hohe primäre Attackenfrequenz handelt, bei der auch eine Medikamentenpause keine Besserung bringt. Vorbeugende Medikamente bewirken trotz ausreichender Dosierung und zeitlicher Dauer keine Verbesserung des schweren Verlaufes. Sämtliche Therapiemaßnahmen zeigten keine nachhaltige Wirkung. Schwere Migräneverläufe sollten aufgrund der sehr komplexen Symptome bei mangelnder Therapierbarkeit in einem Kopfschmerzzentrum diagnostiziert werden, um möglichst schnell eine effektive Behandlung zu erzielen. Dadurch können Komplikationen und das Fortschreiten der Migräne vermieden werden.

Was bewirkt das Verfahren der Neuromodulation bei chronischer Migräne? Wie funktioniert es?

Für die besonders schwer betroffene Patientengruppe mit chronischer Migräne gibt es nur wenige wirksame Therapieoptionen. Die periphere Nervenmodulation ist eine spezielle Anwendung der Neurostimulation. Diese wird bereits seit mehreren Jahrzehnten zur Linderung und Behandlung von chronischen Schmerzen eingesetzt. Eine erfolgreiche Anwendung ist möglich bei Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Arm- und Beinschmerzen. Durch den zunehmenden Fortschritt der Mikroelektronik ist es möglich, ein schrittmacherähnliches Gerät unter die Haut zu implantieren und damit eine kontinuierliche periphere Nervenstimulation mit elektrischem Strom zu ermöglichen. Zur Behandlung der chronischen Migräne kann ein spezielles System implantiert werden. Dieses sendet feine elektrische Signale an den sich direkt unter der Nackenhaut befindlichen Occipital nerven. Aufgrund dieser besonderen Lokalisation wird diese Behandlungsmöglichkeit auch Occipitalis-Nervenstimulation (ONS) genannt. Die Wirkungsweise der Occipitalis-Nervenstimulation wird durch Veränderungen der elektrischen Regulation im Hirnstamm erklärt. Das Muster der Schmerzsignale wird durch die kontinuierliche Stimulation moduliert und überdeckt. Die ständige Überempfindlichkeit im Nervensystem wird dadurch ausgeglichen und reduziert. Die Funktion des Neurostimulatorsystems und die periphere Nervenstimulation sind mit denen von Herzschrittmachern zu vergleichen. Das Gerät sendet Impulse über den Hinterhauptsnerv zum trigeminalen Hirnstammkomplex. Es wird angenommen, dass dadurch die körpereigene Schmerzabwehr aktiviert und stabilisiert wird und somit auf natürlichem Weg die Empfindlichkeit für Schmerzsignale reduziert werden kann. Für Patienten mit therapieresistenten chronischen Migräneschmerzen ergeben sich durch die Occipitalis-Nervenstimulation (ONS) neue Möglichkeiten in der Behandlung. Bei diesen Betroffenen besteht in der Regel seit Jahren eine chronische Migräneverlaufsform. Sämtliche leitliniengerechten vorbeugenden Medikamente und sonstige Therapiemaßnahmen wurden ohne Effekt durchgeführt oder aber sie wurden nicht vertragen. Für diese Patientengruppe gibt es ansonsten nur sehr limitierte Möglichkeiten in der Behandlung. Eine weitere Option stellt die Behandlung mit Botulinumtoxin (Botox) dar. Dieses Arzneimittel ist seit September 2011 für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen. Seit Mai 2012 ist auch die periphere Nervenstimulation in Form der Occipitalis-Nervenstimulation (ONS) für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen. Betroffene Patienten können daher mit ihrem Arzt entscheiden, ob diese Behandlungsform für sie eine geeignete Möglichkeit darstellt. Diese Behandlung wird in dafür zertifizierten spezialisierten Zentren durchgeführt. Entscheidend ist dabei die genaue Analyse der Kopfschmerzform, die Indikationsstellung, die Implantation durch einen zertifizierten Neurochirurgen sowie die Langzeitbetreuung mit Therapie- und Verlaufskontrolle durch das Migränezentrum. Ziele der Therapie sind eine Reduktion der Kopfschmerztage pro Monat, eine relevante Linderung der Kopfschmerzintensität, Reduktion der Akutmedikamente und eine verbesserte Lebensqualität.

Kann man verhindern, dass Migräne chronisch wird?

Bei sehr häufigen Attacken wird das Nervensystem stark überempfindlich und es kommt zu einer starken Irritierbarkeit der Betroffenen. Migräne wird heute als chronische und bei mangelnder Behandlung fortschreitende Erkrankung des zentralen Nervensystems aufgefasst. Durch langanhaltende und häufige Migräneattacken entstehen strukturelle Veränderungen im Nervensystem. Eine Reihe von Begleiterkrankungen wird dadurch begünstigt. Diese schließen im neurologischen Bereich Anfallsleiden, Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz und Schlaganfälle ein, auf dem Gebiet der Psychiatrie Depressionen, Angst- und Panikerkrankungen, im internistischen Bereich Herzinfarkte, koronare Herzerkrankungen und Bluthochdruck. Durch eine frühe und wirksame Behandlung kann das Fortschreiten der Migräne und solche Komplikationen am wirksamsten verhindert werden.

Was kann man selbst zur Vorbeugung machen?

Die Migränevorbeugung ist zentraler Bestandteil einer zeitgemäßen und effektiven Migränetherapie. Es muss die Vorbeugung durch Information und Verhalten in erster Linie Basis der Behandlung sein. In zweiter Linie können dann auch Medikamente zur Vorbeugung eingesetzt werden. Die wichtigsten Regeln für das Verhalten sind ein regelmäßiger Tag-Nachtrhythmus und ein regelmäßiger Tagesablauf. Dazu zählen das gleichmäßige Zubettgehen und das gleichmäßige Aufstehen. Die Nahrungsmitteleinnahme zu festen Zeiten ist ebenfalls essentiell. Ein umfangreiches kohlenhydratreiches Frühstück ist die wichtigste Maßnahme am Tagesbeginn. Auch Mittagessen und Abendessen zu festen Zeiten sind wichtige Bedingungen der Migränevorbeugung. Pausen im Alltag, Sporttherapie und das Erlernen eines Entspannungstrainings (www.neuro-media.de) sind wirksame Maßnahmen, die jeder Betroffene selbst durchführen kann und muss.

Welche Medikamente helfen?

Bei leichten Attacken helfen Medikamente aus dem Bereich der Selbstmedikation vom Typ Aspirin, Paracetamol, Ibuprofen und ähnliche. Spezielle Migränemedikamente sind die Triptane. Sie zeigen eine sehr gute Verträglichkeit und sind spezifisch entwickelt worden, um die Verträglichkeit und Sicherheit in der Migräneakuttherapie sowie die Effektivität der Akuttherapie zu verbessern. Mittlerweile sind mehrere Triptane auch in der Apotheke ohne Rezept zu erhalten.

Zur medikamentösen Vorbeugung stehen verschiedenste Möglichkeiten zur Verfügung. Man setzt Medikamente ein, wenn an mehr als sieben Tagen pro Monat Kopfschmerzattacken auftreten. Medikamente zur Vorbeugung schließen Betablocker, Calciumantagonisten, Antiepileptika, Antidepressiva und viele andere Wirkstoffe ein.

Wie findet man Migräne-Spezialisten?

Die Migräne tritt in einem großen Spektrum auf. Es gibt Menschen, die nur wenige und leichte Attacken haben. Bedauerlicherweise gibt es jedoch auch viele Betroffene, bei denen die Attacken besonders schwer sind, besonders lang anhalten und besonders häufig auftreten. Gerade im letzteren Fall ist es wichtig, eine spezialisierte Sprechstunde aufzusuchen, um das spezialisierte zeitgemäße Wissen verfügbar zu machen. Mittlerweile gibt es in Deutschland das bundesweite Kopfschmerzbehandlungsnetz. Rund 450 Ärzte, die sich für die Migränebehandlung spezialisiert haben, können vor Ort eine spezielle Kopfschmerzdiagnose erarbeiten und einen Behandlungsplan aufstellen sowie die Therapie koordinieren. Bei besonders schweren Verläufen ist es möglich, dass die Patienten in das Migräne- und Kopfschmerzzentrum der Schmerzklinik Kiel aufgenommen und hochintensiviert stationär behandelt werden. Anschließend können die Patienten wieder regional vor Ort durch den Schmerzspezialisten weiterbetreut werden und es erfolgt eine Therapie- und Verlaufskontrolle mit Behandlungsanpassung. Wohnortnahe Kopfschmerzspezialisten findet man auf der Homepage der Schmerzklinik Kiel unter www.schmerzklinik.de. Zeitgemäße und umfangreiche Information und Austausch von Betroffenen ist durch die Selbsthilfe-Community www.headbook.me möglich.