Genetische Ursachen der Migräne entdeckt

Genetische Ursachen der Migräne entdeckt

Kiel/Ulm/Oxford/Boston, 23.6.2013. In der bisher weltweit umfassendsten Migränestudie hat ein internationales Forscherkonsortium fünf neue Genregionen entdeckt, die für die Entstehung von Migräne mitverantwortlich gemacht werden. Die Studie öffnet neue Türen für das Verständnis der Ursachen und biologischen Auslöser von Migräneattacken. „Die jetzt neu endeckten Gene sind für die Nervenzellsignalübertragung, den Energieumsatz von Nervenzellen und die Gedächtnisverarbeitung im Gehirn funktionell bedeutsam“ sagt Coautor der Studie, Prof. Dr. Hartmut Göbel vom Migräne- und Kopfschmerzzentrum der Schmerzklinik Kiel: „Auf dieser Grundlage kann nun gezielt die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden erfolgen, die präzise in die Entstehungsmechanismen der Migräne eingreifen können“. Die Ergebnisse wurden am 23. Juni 2013 im renommierten Journal Nature Genetics veröffentlicht.

Das internationale Forscherteam identifizierte zwölf Regionen im Erbgut von Migränepatienten, welche für das Risiko, an Migräne zu erkranken, mitverantwortlich sind. Acht dieser Regionen wurden in der Nähe von Genen entdeckt, die eine Rolle in der Kontrolle von Hirnschaltkreisen spielen. Zwei der Genregionen sind für die Aufrechterhaltung der normalen Hirn- und Nervenzellfunktion verantwortlich. Die Steuerung dieser Schaltkreise wird als bedeutsam für das genetische Risiko angesehen, an Migräne zu erkranken.

Migräne ist eine schwere behindernde Erkrankung, die ca. 14 % der erwachsenen Bevölkerung betrifft. Migräne wurde als die sieben-schwerste behindernde Erkrankung der Menschheit und als die teuerste neurologische Erkrankung eingeordnet. Migräne lässt sich wissenschaftlich nur schwer untersuchen, da es bisher keine eindeutigen Biomarker im Zeitraum zwischen den Migräneattacken oder in der Zeit während der Migräneattacken gibt.

„Diese Studie hat neue Einblicke in die biologischen Mechanismen der Migräne eröffnet“ sagt Coautor Dr. Aarno Palotie, Wellcome Trust Sanger Institut, Universität Oxford, England: „Migräne ist eine besonders komplexe neurologische Erkrankung und lässt sich nur schwer in wissenschaftlichen Studien analysieren; zwischen den Anfällen ist der Patient gesund, sodass es schwer ist, biologische Veränderungen aufzudecken. Wir haben belegt, dass genetische Studien ein sehr effektiver Weg sind, um die biochemischen und biologischen Veränderungen bei Migräne zu untersuchen, die den Kern der Erkrankung bedingen“.

Das internationale Forscherteam entdeckte die zugrundeliegenden genetischen Risikofaktoren, indem sie die Ergebnisse von über 29 verschiedenen Genom-Studien zusammenfassend analysierten und verglichen. Diese Studien schließen mehr als 100.000 untersuchte Patienten mit Migräne und Kontrollpersonen ein.

„Die neuen Forschungsergebnisse basieren u.a. auf sorgfältig diagnostizierten Migräneverläufen von internationalen Migränezentren“ sagt Coautor Prof. Dr. Hartmut Göbel vom Migräne- und Kopfschmerzzentrum der Schmerzklinik Kiel: „Wir haben dazu in enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Instituts für Humangenetik der Universität Ulm über viele Jahre in betroffenen Familien das Erbgut analysiert. Durch die internationale Zusammenarbeit war es nun möglich, die Daten von 29 Studien mit insgesamt 23285 Migränepatienten und 95425 Kontrollpersonen zu analysieren“.

Die Forscher fanden, dass einige der Risikoregionen sehr nahe zu Genorten liegen, die die Empfindlichkeit für oxidativen Stress in Nervenzellen regulieren. Oxidativer Stress ist ein Prozess, der zu einer Fehlfunktion von Nervenzellen führt.

„Eine besondere Herausforderung wird nun darin bestehen, im Detail aufzuklären, welche molekularen Mechanismen dieser genetischen Veranlagung tatsächlich zugrunde liegen, denn nur diese Kenntnis wird es ggf. erlauben, neue und gezieltere Behandlungsmaßnahmen zu entwickeln“ führt Coautor Dr. Christian Kubisch vom Institut für Humangenetik der Universität Ulm weiter aus.

Das Forscherteam geht davon aus, dass viele der aufgedeckten Risikogene wechselseitig funktionell in Kontakt stehen und das Potenzial haben, die interne Regulation von Nervenzellen im Gehirn stören können. Dies führt zur Entstehung von Migräneattacken.

„Wir hätten diese Entdeckung nicht machen können, wenn wir lediglich kleinere Patienten- und Probandengruppen untersucht hätten“ sagt Coautorin Dr. Gisela Terwindt von der Universität Leiden, Niederlande: „Diese große Studie mit über 100.000 untersuchten Proben von Migränepatienten und Kontrollpersonen ermöglicht, dass wir die genetischen Grundlagen gezielt aufdecken und im Labor weiter analysieren können“.

Das Team identifizierte weitere 134 Genregionen, die das Migränerisiko erhöhen, jedoch eine schwächere statistische Signifikanz aufweisen. Ob und wie diese Regionen zusammenwirken, muss weiter untersucht werden. Andere ähnliche Studien haben gezeigt, dass in der Summe solche Genregionen einen ebenso bedeutsamen Part in der Krankheitsentstehung bewirken können.

„Diese Forschungsmethodik ist der effizienteste Weg, um die biologischen Mechanismen von neuronalen Erkrankungen aufzudecken“ sagt Coautor Dr. Mark Daly vom Massachusetts General Hospital und Broad Institute of MIT, Harvard (USA): „Effektive Studien, welche uns biologische und biochemische Einblicke in die Entstehung von solchen Erkrankungen geben, sind essentiell um diese schweren behindernden Erkrankungen besser zu verstehen und aufzuschlüsseln“. Die Erweiterung solcher Studien mit noch eingehenderer Analyse der biologischen Marker, wird die Fähigkeit erhöhen, die Ursachen und Auslöser dieser schweren, oft lebenslang bestehenden neurologischen Erkrankungen aufzudecken.

Migräne

Die Volkskrankheit Migräne ist eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems des Menschen. Migräne verursacht eine schwere Behinderung bei den betroffenen Menschen. Migräne kann während der gesamten Lebensspanne auftreten. Der Gipfel liegt in der 4. Lebensdekade. Jede dritte Frau und jeder zwölfte Mann können betroffen sein. Die Migräne tritt episodisch in Attacken auf. Die Dauer der einzelnen Attacken beträgt bis zu drei Tage. Der Kopfschmerz ist pulsierend und pochend. Körperliche Tätigkeit verstärkt die Schmerzen, sodass meist Bettlägerigkeit entsteht. Die Attacken können mit schwerer Übelkeit, Erbrechen, Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit sowie mit weiteren allgemeinen und neurologischen Begleitstörungen einhergehen.
Die Attackenhäufigkeit kann unterschiedlich ausgeprägt sein. Besonders schwer betroffen sind Patienten mit chronischer Migräne. Dabei treten regelmäßig an mehr als 15 Tagen pro Monat Migräneattacken auf. Den betroffenen Patienten bleibt zwischen den einzelnen Anfällen kaum noch Zeit zur Erholung. Das gesamte Erleben und Verhalten kann durch die Erkrankung beeinträchtigt sein. Migräne gilt als eine der teuersten Erkrankungen des Nervensystems. Die Weltgesundheitsorganisation zählt sie zu den am stärksten behindernden Erkrankungen, insbesondere bei Frauen.

Migräne wird heute als progressive Erkrankung des zentralen Nervensystems aufgefasst. Durch langanhaltende und hochfrequente Migräneattacken entstehen strukturelle Veränderungen im Nervensystem. Eine Reihe von Begleiterkrankungen wird dadurch begünstigt. Diese schließen im neurologischen Bereich Epilepsie, Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz und Schlaganfall ein, auf dem Gebiet der Psychiatrie Depressionen, Angst- und Panikerkrankungen, im internistischen Bereich Herzinfarkte, koronare Herzerkrankungen und Bluthochdruck.

Förderung

Die Kieler Wissenschaftler der Schmerzklinik Kiel und ihre Ulmer Kollegen aus dem Institut für Humangenetik wurden in ihrer Arbeit maßgeblich durch eine finanzielle Förderung im Rahmen des nationalen Genomforschungsnetzes (NGFN-plus), des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt. Die AOK NordWest förderte das Projekt durch aktive Unterstützung und Ansprache von betroffenen Familien. Eine komplette Liste der Förderung findet sich im Anhang zur Studie.

Details der Publikation

Verneri Anttila, Bendik S. Winsvold, Padhraig Gormley et al (2013) ‘Genome-wide meta-analysis identifies new susceptibility loci for migraine’. Nature Genetics. DOI: 10.1038/ng.2676

Published online 23 June 2013; URL: http://www.nature.com/doifinder/10.1038/ng.2676

Teilnehmende Zentren

Die komplette Liste der teilnehmenden Zentren kann auf der Internetseite von Nature eingesehen werden: http://www.nature.com

Download von Fotos zum Thema

http://www.schmerzklinik.de/ueber-uns/presse/

Kontaktdetails

Prof. Dr. Hartmut Göbel
Migräne- und Kopfschmerzzentrum
Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel
Heikendorfer Weg 9-27,  D-24149 Kiel
Telefon:    0431-200 99 121
Telefax     0431-20099109
E-mail: hg@schmerzklinik.de
Homepage:   www.schmerzklinik.de
Community für Betroffene:  www.headbook.me
Internationale Kopfschmerzklassifikation:  http://www.schmerzklinik.de/ihs-klassifikation/

10 Comments

  1. Edith Schorr 28. Juli 2013 at 13:19

    Gut, dass es Professoren wie Prof. Göbel gibt. Ich leide seit meinem 18. Geburtstag (inzwischen 62 ) an Migräne accompagne’e, wobei sich die Migräne mit den Jahren verändert hat. Die „Aura“ kommt immer öfter ohne Vorwarnung mit Sehstörungen, tauben Händen und Arme sowie Sprachstörungen. Danach habe ich einige Tage “ Gewitter “ im Kopf. Haben Sie auch dagegen etwas gefunden?

  2. Ilona Kretschmann 30. Juni 2013 at 9:36

    Das sind ja mal wirklich tolle Nachrichten! Auch ich möchte mich bei Ihnen, Dr. Göbel, und Ihrem Team bedanken. Ich war schon zwei Mal stationär in der Schmerzklinik, zuletzt 2008. Seitdem geht es mir besser. Aber es gibt immer wieder sehr schlimme Phasen mit starken Kopfschmerzen und Migräne, manchmal zwei Wochen am Stück. Da gehen Psyche und Seele auf Zahnfleisch. Dann tauchen immer wieder dieselben zwei Fragen auf: 1. Was läuft denn so schrecklich falsch in meinem Kopf? 2. Was muss ich tun, damit es besser wird? Denn der Kopfschmerz schlägt auch zu, wenn vermeintlich alles „gut“ ist. Kein Stress, Termindruck, gut geschlafen + gegessen.
    Durch diesen Bericht habe ich jetzt wieder richtig Hoffnung, dass es mir irgendwann deutlich besser gehen kann.

    Ganz lieben Gruß aus Münster,
    Ilona Kretschmann

  3. Susanne Osterland 28. Juni 2013 at 11:39

    Lieber Herr Göbel,

    mit 30 Jahren hatte ich schon Migräne, die wurde besser. Jetzt vor 2 Jahren mit 50 bekam ich sie wieder nach einer Gesichtslähmung. Dazu kommen immer wieder fürchterliche Gesichtsschmerzen. Die AOK HN verwehrte mir einen Aufenthalt bei Ihnen und in der Zwischenzeit sagte ich mir, ich bilde mir alles nur ein, weil ich in meinem Beruf, in der Familie und im Freundeskreis von allen im Stich gelassen wurde obwohl ich nie viel gejammert habe, nein, nur zurückgezogen ein wenig, nun bin ich einsam, weil ich nicht mehr soo viel leisten kann wie vorher, nicht allen alles Recht machen. Habe mich abgefunden, doch es fällt schwer wenn man auch noch missachtet wird für etwas was man ja selbst nicht haben will.
    Doch wie die anderen Leser hier macht mir Ihre Forschungsarbeit Hoffnung, dass es doch noch MENSCHEN gibt, DANKE

    Viele liebe Grüße und auch für Sie persönlich alles Gute

    Susanne Osterland

  4. Bettina Frank 25. Juni 2013 at 22:59

    Lieber Herr Professor Göbel,
    liebes Team der Schmerzklinik,

    auch ich möchte mich ganz herzlich bedanken für diesen mutmachenden Beitrag. Wie tröstlich für uns Betroffene, dass so erfolgreich geforscht wird, sodass sich für die Behandlung ganz neue Wege erschließen. In Zukuft wird man Patienten ganz gezielt und noch individueller behandeln können, wenn die genetische Untersuchung genaue Daten liefert. Das ist ein ganz großer Durchbruch, der künftgen Generationen zugute kommen wird.

    Auch wenn man noch einige Zeit auf Medikamente warten muss, die aufgrund dieser Erkenntnise entwickelt werden, so wird hiermit nochmal ganz deutlich gemacht, dass Migräne keine „Verhaltensstörung“ ist. Keine Einbildung und psychische Erkrankung, sondern nun ist bewiesen, dass tatsächlich die Gene schuld sind. Dieses neue Wissen wird sicherlich dazu beitragen, die Akzeptanz für diese schwer behindernde Erkrankung in der Bevölkerung zu verbessern.

    Danke Ihnen und all den anderen Forschenden, die uns immer wieder Hoffnung geben.

    Herzliche Grüße
    Bettina Frank

  5. Pribik, Brigitte 25. Juni 2013 at 18:12

    Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Göbel,
    Gratulation an Sie und dem gesamten Team für den tollen Erfolg und die neuen Erkenntnisse.
    Unermüdliche Forscher wie Sie lassen wieder etwas Hoffnung aufkommen und nicht nur mit der „Psyche“
    die 72-Stunden-Attacken „entkräften“.
    Hochachtungsvoll
    Brigitte Pribik

  6. Gitte Swiderski 25. Juni 2013 at 8:41

    Vielen Dank für diese Information !
    Die neuen Erkenntnisse helfen mir weiter beim Verständnis der Ursachen der Migräne.
    Früher wurden meine Migränenanfälle meist in die „psychische Ecke“ geschoben.
    Heute kann ich – durch die Unterstützung von Ihnen, meinem Schmerztherapeuten und einer geänderten Lebensweise- besser mit den Anfällen umgehen.
    Herzliche Grüße aus Bad Segeberg-
    Gitte

  7. Roel Lubberts 24. Juni 2013 at 22:45

    Durch unterstützende Hilfe aus Kiel gehe ich bewuster mit meiner Migräine um. Seit meiner Behandlung in Kiel,
    bin ich nicht mein Migräine loss, aber habe ich viel weniger Kopfschmerzen.
    Durch Forschung wird alles offenbar.
    Vielen Dank.
    R.Lubberts

  8. Doro 24. Juni 2013 at 21:25

    Es tut gut zu wissen, dass Forschungsarbeiten wie diese, die Migräne enttarnen und Betroffene aus der Ecke der *Überempfindlichen* holen.
    Jeder Beitrag dieser Art klärt auf und löst Tabus…. gibt Hoffnung!!
    Als Betroffene danke ich Ihnen Prof. Dr. Göbel und dem gesamten Forscherteam von Herzen.
    Doro

  9. Liane Hößler 24. Juni 2013 at 20:44

    Auch ich möchte mich mit meinen Dank der Hella Kiecksee anschließen. Sie hat mir aus dem Herzen gespochen. Ich hoffe, Sie finden durch diese neuen Erkenntnisse auch schnell neue Behandlungsmethoden die zum Erfolg, zur Schmerzfreiheit führen.
    Ich gratuliere Ihnen und Ihrem Team und ich weiß, Sie werden weiter dran bleiben.

    Herzliche Grüße
    Liane Hößler

  10. Hella Kiecksee 23. Juni 2013 at 22:15

    Ihnen, sehr geehrter Herr Professor Dr. Göbel und Ihrem Team, sowie den vielen anderen unermüdlich Forschenden, ein ganz großes Dankeschön für den kaum zu ermessenden Einsatz im Kampf gegen die Migräne.
    Berichte wie dieser heute machen immer wieder Mut und Hoffnung bei uns Betroffenen.

    Schön, dass es so engagierte Menschen wie Sie gibt. Danke für Ihren immerwährenden Einsatz.

    Viele Grüße
    Hella Kiecksee

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