Organisationsdefizite behindern adäquate Schmerztherapie

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Organisationsdefizite behindern adäquate Schmerztherapie

Die inadäquate Versorgung der Volkskrankheiten Migräne und Kopfschmerzen resultiert primär nicht aus einem Mangel an wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Entstehung und zur Behandlung von Kopfschmerzen. Diese stehen heute in großer Vielfalt zur Verfügung. Die Versorgungsdefizite sind vielmehr ganz überwiegend durch organisatorische Mängel in der Versorgungslandschaft und in der Umsetzung des aktuellen Wissens begründet. Eine aktuelle Analyse der Weltgesundheitsorganisation bestätigt dies explizit und führt 18 Haupthindernisse bei der Behandlung von Patienten mit Kopfschmerzerkrankungen auf (s. Abbildung). Ganz im Vordergrund steht die mangelnde Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Therapeuten für die Behandlung von Migräne und Kopfschmerzerkrankungen. Die diagnostische Vielfalt, die gesundheitspolitische Relevanz sowie modernde Behandlungsverfahren können so nicht in die praktische Versorgung übersetzt werden. Kopfschmerzspezifische Ressourcendefizite, fehlende Aufmerksamkeit für Kopfschmerzen, inadäquate Erstattung von Krankenkassen, Organisationsschwierigkeiten, Fehlen von Versorgungsressourcen, mangelnde Priorität, mangelnde Koordination, Missmanagement, fehlendes politisches Bewusstsein, Überlastung, allgemeine Organisationsfehler und fehlendes Bewusstsein für indirekte Kosten stellen die Hauptgründe für Hindernisse bei der Behandlung von Kopfschmerzpatienten dar. Noch so große Anstrengungen in wissenschaftlichen Labors können diese Haupthindernisse für eine zeitgemäße effiziente Versorgung nicht überwinden. Vielmehr müssen das öffentliche Bewusstsein bei Krankenkassen und Gesundheitspolitik, die fehlende Priorität, sowie die generellen Koordinations- und Organisationsfehler konzentriert angegangen werden, um eine Verbesserung der Behandlung von Patienten mit Migräne und Kopfschmerzen zu erreichen. Ganz im Vordergrund muss eine professionelle Weiter- und Fortbildung für Studenten, Ärzte und Therapeuten stehen. Die Schaffung von Bewusstsein für die Größe des Problems, die verbesserte Verfügbarkeit und Koordination der Versorgung, die Organisation und Strukturierung sowie die verbesserte Erstattung von Leistungen in der Kopfschmerztherapie müssen zentrale Angriffspunkte zur innovativen zeitgemäßen Behandlung von Patienten mit Kopfschmerzen werden. Dies schließt auch die gemeinsame Interaktion von Experten, Fachgesellschaften, Gesundheitspolitik und Selbsthilfegruppen ein.

Fehlende Interaktion, fehlende Integration

Die traditionelle Versorgungssituation in Deutschland ist von einem sektoralen Denken bestimmt. Ohne Interaktion werden im ambulanten Bereich Kopfschmerzpatienten auf der Basis des jeweils individuellen Erfahrungsgrades in den einzelnen Fachrichtungen behandelt. Ohne standardisierte Behandlungspfade und ohne feste Einschlusskriterien für bestimmte Behandlungsoptionen resultiert eine mangelnde therapeutische Effizienz. Viele moderne, auf wissenschaftlichen Studien basierende, Therapieverfahren sind derzeit in der etablierten medizinischen Versorgung nur unter großen Schwierigkeiten, wenn überhaupt, verfügbar. Dies ist im Wesentlichen auch der Grund dafür, dass Kopfschmerzpatienten durchschnittlich etwa achtmal im Jahr den Arzt wegen mangelndes Therapieerfolges wechseln. Durch inadäquate Diagnose, Therapieplanung und Durchführung entwickeln viele dieser Patienten im Laufe ihres Lebens eine Verfestigung und Chronifizierung ihres Kopfschmerzleidens, sodass nur noch eine frühzeitige Invalidisierung und Berentung möglich sind. Es fehlen auch präventive Maßnahmen in der Jugend, die unter anderem über adäquate Selbstmedikation und deren Gefahren aufklären. Ca. 15% aller Kopfschmerzpatienten entwickeln im Laufe ihres Lebens einen Schmerzmittelübergebrauch. Dabei stehen im Vordergrund die übermäßige und inadäquate Einnahme von Schmerzmittel-Kombinations­präparaten, Ergotalkaloiden, Triptanen sowie Opioid-Analgetika. Diese Entwicklung führt zu häufigen Fehltagen am Arbeitsplatz und zu hohen Medikamentenkosten. Schwerwiegend sind Langzeitschäden. Die Patienten haben ein hohes Risiko für chronische Nierenschäden, Magen-Darm-Ulzera, maligne Tumoren der ableitenden Harnwege, vaskuläre Komplikationen wie Durchblutungsstörungen der Extremitäten, des Darmes, der Koronarien oder Schlaganfälle. Durch die mangelnde Effizienz der Schmerztherapie erleiden zudem viele Patienten innerhalb weniger Jahre zusätzliche schwere psychische Erkrankungen als Komplikationen der primären Kopfschmerzen. Im Vordergrund stehen schwere depressive Erkrankungen sowie Persönlichkeitsveränderungen. Andere häufige Komorbiditäten umfassen Angsterkrankungen, funktionelle Darmstörungen, Schwindel, Tinnitus, Herzinfarkte, Asthma bronchiale sowie Schlaganfälle.

Quellen

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