ONS bei chronischer Migräne

ONS bei chronischer Migräne

Occipitalis-Nervenstimulation zur Behandlung der chronischen Migräne

Die chronische Migräne ist eine besonders schwere Verlaufsform der Migräne. Die betroffenen Patienten leiden an mehr als 15 Tagen pro Monat an schweren Kopfschmerzen. Die hohe Häufigkeit der Kopfschmerztage pro Monat besteht seit mindestens drei Monaten. Ein Medikamentenübergebrauch liegt nicht vor, so dass es sich bei der chronischen Migräne um eine spontan hohe Attackenfrequenz handelt, bei der auch eine Medikamentenpause keine Besserung bringt. Die Schmerzen können auch im Hinterhaupts- und Schulter-Nackenbereich lokalisiert sein. Vorbeugende Medikamente bewirken trotz ausreichender Dosierung und zeitlicher Dauer keine Verbesserung des schweren Verlaufes. Sämtliche Therapiemaßnahmen zeigten keine nachhaltige Wirkung.

Für diese besonders schwer betroffene Patientengruppe gibt es nur wenige wirksame Therapieoptionen. In neuester Zeit rücken nun auch Möglichkeiten der peripheren Nervenstimulation (PNS) als Behandlungsmöglichkeit zunehmend in den Fokus.

Die periphere Nervenstimulation ist eine spezielle Anwendung der Neurostimulation. Diese wird bereits seit mehreren Jahrzehnten zur Linderung und Behandlung von chronischen Schmerzen eingesetzt. Eine erfolgreiche Anwendung ist möglich bei Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Arm- und Beinschmerzen.

Durch den zunehmenden Fortschritt der Mikroelektronik ist es möglich, ein schrittmacherähnliches Gerät unter die Haut zu implantieren und damit eine kontinuierliche periphere Nervenstimulation zu ermöglichen. Zur Behandlung der chronischen Migräne kann ein spezielles System implantiert werden. Dieses sendet elektrische Signale an den sich direkt unter der Nackenhaut befindlichen Occipitalnerven. Aufgrund dieser besonderen Lokalisation wird diese Behandlungsmöglichkeit auch Occipitalis-Nervenstimulation (ONS) genannt.

Die Wirkungsweise der Occipitalis-Nervenstimulation wird durch Veränderungen der elektrischen Regulation im Hirnstamm erklärt. Das Muster der Schmerzsignale wird durch die kontinuierliche Stimulation moduliert und überdeckt. Die ständige Überempfindlichkeit im Nervensystem wird dadurch ausgeglichen und reduziert.

Die Funktion des Neurostimulatorsystems und die periphere Nervenstimulation sind mit denen von Herzschrittmachern zu vergleichen. Das Gerät sendet jedoch keine Impulse zum Herzen, sondern über den Hinterhauptsnerv zum trigeminalen Hirnstammkomplex. Es wird angenommen, dass dadurch die körpereigene Schmerzabwehr aktiviert und stabilisiert wird und somit auf natürlichem Weg die Empfindlichkeit für Schmerzsignale reduziert werden kann.

Für Patienten mit therapieresistenten chronischen Migräneschmerzen ergeben sich durch die Occipitalis-Nervenstimulation (ONS) neue Möglichkeiten in der Behandlung. Bei diesen Betroffenen besteht in der Regel seit Jahren eine chronische Migräneverlaufsform. Sämtliche leitliniengerechten vorbeugenden Medikamente und sonstige Therapiemaßnahmen wurden ohne Effekt durchgeführt oder aber sie wurden nicht vertragen. Für diese Patientengruppe gibt es nur sehr limitierte Möglichkeiten in der Behandlung. Eine Option stellt die Behandlung mit Botulinumtoxin (Botox) dar. Dieses Arzneimittel ist seit September 2011 für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen.

Mittlerweile ist auch die periphere Nervenstimulation in Form der Occipitalis-Nervenstimulation (ONS) für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen. Betroffene Patienten können daher mit ihrem Arzt entscheiden, ob diese Behandlungsform für sie eine geeignete Möglichkeit darstellt. Diese Behandlung wird in dafür zertifizierten Zentren angeboten. Entscheidend ist dabei die genaue Analyse der Kopfschmerzform, die Indikationsstellung, die Implantation durch einen zertifizierten Neurochirurgen sowie die Langzeitbetreuung mit Therapie- und Verlaufskontrolle durch das Migränezentrum.

Ziele der Therapie sind eine Reduktion der Kopfschmerztage pro Monat, eine relevante Linderung der Kopfschmerzintensität, Reduktion der Akutmedikamente und eine verbesserte Lebensqualität.

Das Neurostimulationssystem für die Occipitalis-Nervenstimulation besteht aus drei Hauptbestandteilen,

  • den Neurostimulator,
  • den Elektroden und
  • einem Bediengerät für die Patienten.

Der Neurostimulator selbst entspricht in der Größe ungefähr einer Stoppuhr. Er enthält die Batterien und elektrischen Bestandteile, die die Impulse an die Elektroden erzeugen und dorthin senden. Die Elektroden bestehen aus dünnen Drähten, mit denen die elektrischen Signale vom Stimulator zu den Occipitalis-Nerven gesendet werden. Das Bediengerät für die Patienten ist einer kleinen Fernbedienung ähnlich. Es kann von den Patienten benutzt werden, den Neurostimulator ein- oder auszuschalten und das Reizmuster dem jeweiligen Bedürfnis entsprechend anzupassen.

Die Behandlung der chronischen Migräne mit der peripheren Neurostimulation ist eine neue Therapiemethode. Langzeiterfahrungen für die Behandlung der chronischen Migräne liegen nur sehr vereinzelt vor. Diese Behandlungsform erfordert eine gute Zusammenarbeit zwischen Neurochirurgen und Neurologen. Während eines kleinen einfachen chirurgischen Eingriffs wird das Neurostimulationssystem implantiert. Die stationäre Behandlung erstreckt sich dabei in der Regel über einen Tag. Mögliche Komplikationen sind, wie bei jeder Operation, Infektionen oder postoperative Schmerzen. Im Langzeitverlauf können sich Risiken wie Verschiebung der Elektroden ergeben. Vor dem Eingriff wird genauestens über diese möglichen Komplikationen aufgeklärt. Die Elektroden werden unter die Haut gelegt, eine tieferliegende Operation erfolgt nicht.

Die Langzeitbetreuung erfolgt in unserem Kopfschmerzzentrum. Dabei wird der genaue Verlauf der Migräne dokumentiert, der Stimulator eingestellt und es werden Langzeiterfahrungen systemisch wissenschaftlich ausgewertet. Im Rahmen einer multinationalen Analyse können so die Behandlungsergebnisse über mehrere Jahre beobachtet und bewertet werden. Ob die Möglichkeit einer peripheren Nervenstimulation in Form der Occipitalis-Stimulation im Einzelfall helfen kann, kann nur durch eine eingehende spezialisierte neurologisch-schmerztherapeutische Untersuchung geklärt werden.

Dazu haben wir an der Schmerzklinik Kiel eine Spezialsprechstunde eingerichtet. Experten für Neurostimulation und Migräne analysieren eingehend den bisherigen Behandlungsverlauf sowie die Therapiemöglichkeiten mit dieser neuen Form der Vorbeugung bei chronischer Migräne.

Aktuelle Publikation:
Safety and efficacy of peripheral nerve stimulation of the occipital nerves for the management of chronic migraine: Results from a randomized, multicenter, double-blinded, controlled study

News Alert zur Studie

 [/fusion_builder_column][/fusion_builder_row][/fusion_builder_container]

5 Kommentare

  1. Weck Johanna 14. Oktober 2015 um 5:23 Uhr

    Hallo habe den Stimulator nun seit 2 Wochen ,habe seit meinen 15 Lebensjahr Migräne mit Aura und seit etwa 5 Jahren jeden Morgen beim aufstehen normale Kopfschmerzen.Ja die Kasse übernimmt die Kosten und nun nach 2 Wochen sind die normalen Kopfschmerzen schon weg. Was die Migräne betrifft hatte ich 2 -3 Attacke die Woche und bis jetzt noch nichts. Werde weiter berichten. mfg J.Weck

  2. Bettina Frank 17. November 2012 um 19:11 Uhr

    Alle Fragen zur ONS werden auch in unserem Migräne- und Kopfschmerzforum Headbook http://www.headbook.me diskutiert. Ganz speziell aber in unserer zur ONS eröffneten Gruppe http://www.headbook.me/groups/occipitalis-nervenstimulation-ons-bei-chronischer-therapieresistenter-migraene/forum/

    Liebe Grüße
    Bettina

  3. Anabell Gross 15. November 2012 um 21:24 Uhr

    hallo
    hab da mal ne frage…
    und zwar…
    – was für einen arzt muss man aufsuchen um diesen „schrittmacher“ verschrieben zu bekommen?
    – wie ist das mit der kostenübernahme? zahlen alle krankenkassen?
    – hilft dieses verfahren auch bei einer migräne mit aura?

    wäre ganz lieb von ihnen zu hören.

  4. Petra Jongebloed 23. Oktober 2012 um 18:42 Uhr

    Hallo hab dazu einige Fragen

    Wo wurde der Generator implantiert ? Unterer Rücken oder Schlüßelbein?
    Wie lange dauert der Krankenhausaufenthalt?
    Wäre nett wenn Sie mir die Fragen beantworten würden.

  5. Martina Beuker 17. Oktober 2012 um 16:50 Uhr

    Am 06.09.2012 wurden mir die Elektroden implantiert.
    Die ersten 4 Wochen hatte ich überhaupt keine Besserung, aber nun nach fast 6 Wochen geht es mir besser.
    Die Migräne kommt nicht mehr so schnell durch.
    Ich hoffe es bleibt so.
    Weiterhin nehme ich an einer Studie teil.

    Sollten Sie Fragen haben, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

    Martina Beuker
    Selbsthilfegruppe der Migäniker in Erkrath/Hilden/Mettmann

Hinterlassen Sie einen Kommentar